Was ist aus den Prognosen bis zum Jahr 2000 geworden —
und was bringt das 21. Jahrhundert?


 

TELI-Jour-Fixe in München am 4. Juni 2013

Klaus H. Knapp, Wissenschaftsjournalist

Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. In den 70-er Jahren gingen viele dies Wagnis ein. Darunter auch Klaus H. Knapp, einer der profiliertesten deutschen Technikjournalisten und Ingenieure. Fast 40 Jahren später blickte er in einem Referat für die TELI zurück. Was waren die Treffer, was waren die Nieten?

Knapp hat sich beruflich über lange Zeit mit technischen Prognosen beschäftigt, unter anderem für seinen damaligen Arbeitgeber Siemens. Die Ergebnisse seiner Arbeit waren sehr viel bodenständiger als die eher politischen Aussagen, die zeitgleich mit großem Medienecho von großen Institutionen verbreitet wurden. Seinen Auftraggeber interessierte die Entwicklung der Telefonnutzung, die Weiterentwicklung der Telekommunikation hin zur Datentechnik und die allgemeinen Lebensbedingungen der Kundschaft. Keine Science-Fiction mit künstlerischer Freiheit also sondern mit Fakten belegbare Extrapolation der Realität.

Knapp gab seinen Zuhörern zunächst einmal einen Überblick wie denn solche Prognosen erstellt werden können. Er unterschied zwischen „quantitativen“ Prognosen (die mit mathematischen Verfahren wie Statistik und Korrelationen existierende Techniken fortschreiben) und „qualitativen“ Prognosen (die Wege in neue Gebiete suchen, wobei Keimzellen wie neue Forschungsgrundlagen schon existieren).

Der nächste Schritt definiert Zeitabschnitte: Vorhersagen bis zu fünf Jahren gehören eigentlich noch zur Marktforschung, wie sie Unternehmen für die Weiterentwicklung ihrer Produkte benötigen. Die Spanne zwischen fünf Jahren und zwanzig Jahren ist schon schwieriger abzudecken: Hier haben amerikanische Wissenschaftler wie Jay Forrester, Dennis Meadows und Olaf Helmer Grundlagen gelegt. Weltweit bekannt wurde der Gordon-Helmer-Bericht Anfang der späten 60er Jahre, aus dem Knapp zwei Vorhersage-Grafiken zeigte.

Der Vortragende hatte selbst Mitte der 70-er Jahre in einem Referat 50 Prognosen auf das Jahr 2000 veröffentlicht und diese Prognosen nun Anfang des 21. Jahrhunderts einer Analyse unterzogen, inwieweit sie in Erfüllung gegangen sind. Mehr noch als die eingetroffenen Prognosen interessierten Knapp und seine Zuhörer aber, welche Prognosen nicht eingetreten sind und vor allem dabei die Frage, warum nicht.

Rund zwei Drittel seiner eigenen Prognosen waren bis zum 1.1.2000 in Erfüllung gegangen — für eine Prognose-Zeitspanne von 25 Jahren ein ziemlich gutes Ergebnis. Ein nicht unerheblicher Teil der „Fehlprognosen“ fand dann noch den erfolgreichen Abschluss im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts.

Hat es aber Entwicklungen gegeben, die in keinen Prognosen vorkamen und heute bereits Alltag sind? Doch, das hat es auch. Das Internet ist eines der Beispiele. Oder die heutige Mobiltelefontechnik, die ja bereits Kinder in das Drahtlosnetz mit einbindet.

So zählt Knapp fünf Gründe auf, warum Prognosen nicht eintrafen oder überhaupt nicht prognostiziert worden sind:

  1. In den 70-er Jahren war man zu naiv: Man hat nur fortgeschrieben, für was man schon Anhaltspunkte hatte.
  2. Die Fixierung auf den Tag des Jahrtausendwechsels war Unfug, rein schon von der Statistik her: 1 Tag unter 10.000 möglichen – und keine Zeitspanne, wie es der Gordon-Helmer-Bericht auswies.
  3. Mangels Rechnerleistung waren die nötigen Simulationen nur sehr eingeschränkt möglich,
  4. Vielfach waren die eingegebenen Daten für die Simulation nicht zuverlässig genug,
  5. Und heute weiß man noch etwas anderes: Gegen den Willen breiter Bevölkerungsschichten kann eine demokratisch gewählte Regierung selbst wichtige Entwicklungen nicht durchsetzen.

Einige Prognosen, etwa die zur Hochgeschwindigkeits-Magnetschwebebahn sind daher nicht wirklich zuzuordnen. Die Magnetschwebebahn gibt es zwar, in Deutschland war sie aber aus politischen Gründen nicht durchsetzbar. Umgekehrt wurde aus politischen Gründen die bisherige Architektur der Energieversorgung durch lokale Kraftwerke zugunsten volatiler Stromerzeugung aufgegeben. Etliches bleibt auch unbeantwortbar. Wie ist etwa der aktuelle Stand bei bewusstseinsverändernden Drogen oder der globalen Wetterbeeinflussung? Mit diesen beschäftigte sich Prof. Olaf Helmer (MIT), dessen Ergebnisse Knapp kurz vorstellte. Grundlage waren tabellarische Ergebnisse, die ein heute unbekannter Bearbeiter damals verfasste.  Helmer traute sich was, und prognostizierte für die 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts, das es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine sichere Wetterprognose geben würde. Das war wohl kein Treffer. Beim Thema preiswerte Empfängnisverhütung, Spracherkennung und Zentrale Informationsdatenbank lag er erstaunlich gut, wenngleich die Spracherkennung noch einmal gut 20 Jahre brauchte, um den Sprung von den Nachrichtendiensten ins Kaufhausregal zu schaffen. Für die 2020er Jahre sagte Helmer voraus, dass durch gezielte Manipulation des Gravitationsfeldes schwere Lasten einfach bewegt werden könnten. Auch Nachrichtenverbindungen durch Telepathie nahm Helmer mit in seinen Katalog mit auf, setzte den Status aber vorausschauend auf „Vermutlich nie“.

Was aber Knapp nicht daran hinderte, ein paar Prognosen bis zum Ende dieses Jahrhunderts abzugeben, die er aber nicht selbst erstellt hat, sondern aus amerikanischen Quellen zitierte:

Viele dieser Entwicklungen zeichnen sich vielleicht am Horizont ab. Und da findet Knapp einen heiteren Abschluss für seinen Vortrags — er zitiert ein bekannten Kabarettisten, der einmal gesagt hat: „Ein Horizont ist eine imaginäre Linie, die sich umso weiter entfernt, je näher man ihr kommt.“

So überließ der Vortragende seinen Zuhörern, sich darüber eigene Gedanken zu machen.

Bernd Schöne


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